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Alexander Schnorr

Führungsakademie des Landes Baden-Württemberg
Einführung in die Ausstellung von Bildern und Objekten
Montag, 8.Mai 1995, 17.30 Uhr

Dr.Otto Rundel, Präsident der Führungsakademie Baden-Württemberg

Lieber Alexander Schnorr, verehrte Gäste, insbesondere verehrte Angehörige unseres Künstlers,
sehr verehrte Damen und Herren,

mit der heute eröffneten Ausstellung präsentiert der junge Künstler Alexander Schnorr zum ersten Mal Arbeiten aus seinem künstlerischen Schaffen der Öffentlichkeit in einem größeren Rahmen. Alexander Schnorr hat in den Jahren 93/94 an der staatlichen Akademie für bildende Künste, Stuttgart Malerei studiert. Seit 1994 studiert er in Köln Philosophie. Im Mittelpunkt seiner beruflichen und persönlichen Existenz steht aber nach wie vor seine künstlerische Arbeit, die Malerei.

Auf meine Frage an ihn, welche Maler der jüngeren Vergangenheit den stärksten und nachhaltigsten Einfluß auf ihn ausgeübt hätten, antwortete er: die Maler der "Zero-Gruppe". Ich habe mich danach in der Literatur umgesehen und über diese Künstlergruppe folgendes festgestellt: Gründer und maßgebende Mitglieder der Gruppe sind die Maler Mack und Otto Piene und der Nagelkünstler Günther Uecker. Die Arbeiten der Gruppe, die erstmals im April 1958 mit einer Ausstellung in Düsseldorf in Erscheinung trat, sind stark beeinflußt von dem Franzosen Yves Klein.

Aber auch Einflüsse der Italiener Luigi Fontana und Piero Manzoni, der Russen Kasimir Malewitsch und Stanislaw Stzerminski und des Schweizers Jean Tinguely waren für die Zero-Künstler von Bedeutung.

Mack, einer der beiden Protagonisten sieht das besondere der Arbeiten von Zero wie folgt:
"Die Exklusivität einer vollständig gegenstandsfreien, dynamischen, bildnerischen Struktur in astronomischer Entfernung zur Natur, wird zum Ausdruck einer reinen Emotion; sie präsentiert sich als eine neue Wirklichkeit, deren geheime Schönheit wir ahnen."
Anette Kuhn, die das maßgebende Werk über die Arbeit von Zero verfaßt hat, schreibt über die Kunst der Zero-Maler folgendes:
"Mit fünfzehnjähriger Distanz zum Schrecken des Krieges wandten sich die Künstler von der Vergangenheit ab und richteten den Blick auf eine bessere Zukunft ... ausgehend von einer gewissen existenziellen Sicherheit und neuen Möglichkeiten persönlicher Freiheit teilten die Künstler die allgemeine euphorische Aufbruchstimmung jener Jahre."

Das Lebensgefühl, die Grundstimmung, aus denen heraus ihre Malerei entstand, wird erkennbar in den Worten von Mack:

"Das Glück in dieser Welt zu sein -, die Häßlichkeit dieser Welt, das Glück zu sehen, daß die Schönheit stärker ist; das Glück des Anfangs, der Leichtigkeit, der Offenheit, der Unberührtheit; das Glück der weißen Felder auf der Karte des Lebens; das Glück wenn man ja sagt: Zero."

Otto Piene, der zweite theoretische Kopf der Künstlergruppe (Katalog der Galerie Heseler und Neher 1992 "Zero eine europäische Avantgarde" Seite 7):

"Mack und ich studierten lange und gründlich und umfassend nicht nur an Kunstakademien, sondern auch an Universitäten, hauptsächlich Philosophie in Köln. Erst 1956/57 schlossen wir ab mit dem philosophischen Staatsexamen und konnten nun unsere wesentliche Energie auf die künstlerische Arbeit konzentrieren. Wir hatten indessen die Realität von Lebensunterhalt und praktischer Welt schon kennengelernt in verschiedenen Nebenberufen seit Beginn des Studiums."

Eine interessante und erstaunliche Paralelle zu Alexander Schnorr, nicht nur im Blick auf das Philosophiestudium in Köln, sondern auch darauf, daß unser Künstler gleich nach dem Abitur begann, einen Teil seines Lebensunterhaltes mit einer praktischen Lehrtätigkeit zu finanzieren, nämlich durch Lehrveranstaltungen in der Datenverarbeitung und Computeranwendung.

Mit den Stichworten Datenverarbeitung und Computer sind - glaube ich - wichtige Aufgabenfelder der Bilder von Alexander Schnorr bezeichnet. Denn nicht nur ist die Abwesenheit von Natur in vielen seiner Arbeiten - nicht in allen - für sein Werk charakteristisch, sondern auch das Bemühen um die Erfassung der Welt in der Omnipotenz Gottes. Dies natürlich nicht in dem Sinn, daß technische Geräte oder Teile davon abgebildet würden, oder daß auch nur der Versuch unternommen würde, das dabei angewandte Verfahren darzustellen, welches zum Werk Schnorrs führt. - das widerspräche geradezu den zentralen Intentionen - sondern indem versucht wird, Elemente, Andeutungen, Strukturen eines noch intensiver zu erforschenden und zu erkundenden Terrains darzustellen.

Kann dies die Aufgabe des künstlerischen Schaffens, der Malerei sein? Wir stehen damit vor der Frage, die viele von uns immer wieder beschäftigt, wenn wir Werke der modernen Kunst betrachten und versuchen sie zu deuten und zu verstehen.

Was ist die Aufgabe der Kunst, was ist Kunst?

In der Schule hat mir einmal ein verständnisvoller Kunsterzieher darauf mit dem römischen Zitat geantwortet: "delectare et prodesse", also die Kunst solle erfreuen und Nutzen bringen.

Es ist offenkundig, daß heute, jedenfalls von den meisten, die sich professionell mit Kunst zu befassen haben, das erste Erfordernis bestritten wird. Die Menschen zu erfreuen, diese Aufgabe der künstlerischen Arbeit zuzumessen sei ganz verfehlt. Im Gegenteil, die Kunst müsse vielmehr Ärger, Ablehnung, Widerspruch provozieren, sie müsse mindestens anregen zum Nachdenken und Suchen.

Georg Dehio, der grosse Klassiker der deutschen Kunstgeschichte, hat- wie ich meine - die Aufgabe der künstlerischen Arbeit immer noch am besten beschrieben, wenn er folgendes sagt:

"Am farbigen Abglanz haben wir das Leben. Es ist dem Menschen eingegeben, daß er neben die wirkliche Welt eine zweite unwirkliche zu setzen trachtet, sein eigenes Werk: ein bloßer Schein, ein Symbol nur, dem Menschen ganz nutzlos und doch von höchstem Wert. Wir nennen diese Scheinwelt Kunst. In ihrer Schöpfung wird der Mensch sich bewußt und nimmt sich heraus zu sagen was die Wirklichkeit ihm bedeutet, was in ihr und in seiner Stellung zu ihr ihm das Wesenhafte und Wertvolle ist. Kunst ist Abreviatur und zugleich Vertiefung der Wirklichkeit. Kunst ist eine vor aller Verstandeserkenntnis liegende und über sie hoch hinausragende Gefühlserkenntnis, nach ihrem Gegenstand Welterkenntnis und Selbsterkenntnis in Einem. Ein Mensch, der an dieser Art der Erkenntnis keinen Teil hat ist ein unvollständiger Mensch." (Band 1 des Textteils, Einleitung)

In unserer Vorbesprechung zur Ausstellung sprach Schnorr hierbei von Menschen, die von Gott verlassen sind.

Wenn es so ist, dann kommt den Künstlern heute unter anderem sicher auch die Aufgabe zu, die sich anbahnende Gestalt einer durch die Informationstechnik bestimmten Welt zu erkunden und sichtbar zu machen, ihre Chancen und Möglichkeiten , aber auch ihre Gefahren. Doch geht es nicht nur um die Welt der Technik, das breite Spektrum ihrer Anwendung und um die Veränderungen, die sich daraus ergeben. Auch das Verhalten der Menschen, der Wandel seiner Existenz und Lebensbedingungen, seiner Verhaltensweisen, seiner Gefühle und Gedanken, seines Handelns und Zögerns, seines Willens und seiner Ängste - all dieses wird zu jeder Zeit wichtiger Gegenstand des künstlerischen Bemühens sein.

Bei diesem Bemühen kommt es nicht nur darauf an, den Inhalt, den Gegenstand dieser Entwicklung festzuhalten und darzustellen. Von ebenso großer Bedeutung für das künstlerische Bemühen ist immer auch das "Wie" des Gelingens, die Fähigkeit die zutreffende Methode der Darstellung zu finden und zu realisieren. Mit anderen Worten: Der Wert eines künstlerischen Bemühens hängt immer auch entscheidend ab von dem handwerklichen Geschick des Künstlers, von seiner Besessenheit und Fähigkeit zu technischen Vollkommenheit. Inhalt und Form gehören beim künstlerischen Bemühen untrennbar zusammen und bedingen sich gegenseitig. Ohne die handwerklich überzeugende Art der Darstellung kann es nicht gelingen ihren Inhalt verständlich zu vermitteln und ohne einen sinnvollen Gehalt sind künstlerische Formen Fassaden hinter denen sich kein wesentlicher Gehalt verbirgt.

Schon der erste Eindruck, aber auch das intensive Betrachten der hier ausgestellten Bilder und einiger Objekte wird Sie von der handwerklichen Sicherheit, ja Meisterschaft des jungen Künstlers überzeugen.

Mit Recht hat Eduard Beaucamp (FAZ Beilage Bilder und Zeiten, 05.03.1994, Nr.94) in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen darauf hingewiesen, daß die fortschrittlichsten Schulen des Jahrhunderts, die frühsowjetischen Werkstätten und das Bauhaus, handwerklich, technisch und hierarchisch straff organisiert waren, daß sie lehrten, daß das Experiment Handwerk voraussetze und daß dies seinen Ursprung im Kopf habe. Hnadwerk sei immer nur Kopfwerk, immer nur Mittel zum Zweck; handwerkliche Verdichtungen könnten zur Selbstfindung, zu neuer Disziplinierung und Welterfahrung beitragen. Sie seien hilfreich um ein vielfach verstiegenes, apriorisches Künstler - und Geniebewußtsein wieder auf die Erde zu holen und zu objektivieren.

Dem ist generell nichts hinzuzufügen und im Blick auf das Arbeiten von Alexander Schnorr bloß dieses, daß seine handwerkliche Sorgfalt, seine Sicherheit im Umgang mit Formen und Farben, seine inhaltlichen Aussagen nur um so glaubhafter und überzeugender machen.

Ich zitiere abschließend noch einmal Otto Piene:
"Das Dreieck in dem sich unsere Malerei befindet, wird von Natur, Mensch und dem Spielraum der modernen Welt geformt. Weder vermeidet Zero die noch unerforschten, ungenützten, unbewohnten Zonen der Natur - im Gegenteil - wir finden sie einladend ..."

Dies gelingt - wie ich finde - Alexander Schnorr in seinen Bildern und anderen Arbeiten. Darüber hinaus aber leistet er einen wertvollen Beitrag zur Gegenwart. Sein damaliger Professor an der Akademie, Moritz Baumgartl, verabschiedete ihn nach dem zweiten Semester als Meister.

Vielen Dank

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18. Juni, 2002